Ende Oktober 2022 fand in Wien die von Music and Minorities Research Center (MMRC) gemeinsam mit der Initiative Minderheiten konzipierte Tagung „Macht der Musik. Minderheitenpolitische Interventionen“ statt. Musiker*innen/Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen trafen an zwei Tagen aufeinander, um politischen Aktivismus und ethnomusikologische Forschung miteinander in Austausch zu bringen.
Die Beiträge in der vorliegenden Stimme befassen sich mit ausgewählten Schwerpunkten der Tagung.
Im ersten Panel über Musik als Mittel der politischen Intervention diskutierten die Wiener Rapperin und Texterin Esra Özmen, die jiddische Sängerin und Aktivistin Isabel Frey und Josko Vlasich, Mitbegründer und Sänger der Krowodnrockband BRUJI.
Isabel Frey reflektiert in ihrem Beitrag, wie ihr das Eintauchen in die jiddische Kultur geholfen hat, ihre jüdische Identität mit politischem Aktivismus und dem Aufbau minoritärer Allianzen zu kombinieren.
Thema des zweiten Panels mit Sakina Teyna, kurdische Sängerin und Aktivistin, Karin Blantar, Choreografin, Lens Kühleitner, Performance Artist und Filipp Tyran, burgenländisch-kroatischer Musiker und Musikpädagoge, war Musik und Tanz als Mittel der Repräsentation und Identifikation. Ursula Hemetek, Ethnomusikologin und Direktorin des MMRC, hat die Diskussion samt den formulierten Forderungen zusammengefasst.
Die Musikforscherinnen Anja Brunner und Tessa Balser-Schuhmann sprachen mit Sakina Teyna über die Rolle ihrer kurdischen Herkunft in ihrer Musik.
Ina Holub, Aktivistin für queere Körperpolitik, problematisiert die Vereinnahmung des Voguing, dem in den 1970er Jahren in New York entstandenen Tanzstil der LGBTQ+-Szene durch die privilegierte Mehrheit.
Panel 3 mit der Beteiligung des Oud-Spielers und Pädagogen Marwan Abado, der Gesangsprofessorin und Musikerin Nataša Mirković sowie des Chorleiters und Direktors der „Volksschule – Ljudska šola 24“ in Klagenfurt Eduard Oraže, widmete sich den Redefinitionen von Musik und Tanz im Bildungskanon.
Der Musiker Lukas Leitner fasst die Ergebnisse zusammen und stellt sie in Beziehung zu einer von ihm verfassten Schulbuchanalyse.
Im Panel 4 zum Schwerpunkt Musik zur Schaffung von Gemeinschaft/Gemeinsamkeit diskutierten Julian Gorbach, Ideengeber des Gehörlosen-Disco und Jugendarbeiter, Gabriela Novak Karall, Geschäftsführerin des Hrvatski centar / Kroatischen Zentrums und Leiterin des Folkloreensembles „Kolo Slavuj“, Marie-Thérèse Kiriaky, Gründerin des Wiener Nai Oriental Orchestra für klassische arabische Musik und Babak Nikzat,wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnomusikologie der Kunstuniversität Graz.
Gabriela Novak-Karall unterstreicht in ihrem Beitrag die gemeinschaftsstiftende Rolle gemeinsamen Musizierens und Tanzens am Beispiel der Community der Burgenland-Kroat:innen in Wien. Anna Benedikt, Senior Scientist für Diversität am Zentrum für Genderforschung und Diversität der Kunstuniversität Graz, berichtet von Initiativen zur Inklusion in der Musik.
Nicht zuletzt führt der syrisch-kurdische Musiker Salah Ammo in den Maqam, einen wesentlichen Bestandteil der nahöstlichen Musik, ein.
In eigener Sache
Je minderheitengerechter eine Gesellschaft ist, als desto demokratischer gilt sie. In diesem Sinne sind wir über die Zuerkennung des Demokratiepreises 2022 der Margaretha-Lupac-Stiftung an die Initiative Minderheiten besonders stolz. Diese Würdigung bestärkt unser Selbstverständnis, uns mittels vielfältiger Projekte weiterhin für die Demokratisierung der Gesellschaft zu engagieren.
Das Jahr 2022 war finanziell ein sehr schwieriges für die Initiative Minderheiten und für die STIMME. Dank großer Solidarität unserer Verbündeten schauen wir aber wieder zuversichtlich in die Zukunft. Einen sehr herzlichen Dank an Euch alle sowie an die langjährigen STIMME-Fördergeber*innen: Kulturabteilung der Stadt Wien, Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Kulturabteilung des Landes Kärnten, Kulturabteilung des Landes Burgenland, Kulturabteilung des Landes Tirol und Zukunftsfonds der Republik Österreich.
Einen schönen Frühling mit heiteren Klängen im Ohr wünscht
Gamze Ongan, Chefredakteurin
Stimmlage: Der Autoritarismus im Chat – von Hakan Gürses
Mit Feminismus die Welt retten – Feminism wtf – Ein Film von Katharina Mückstein
Lektüre: ABC der politischen Erwachsenenbildung – Gerd Valchars
Gestaltung: Fatih Aydoğdu
Lektorat: Daniel Müller www.syntext.at
Aboservice: abo(at)initiative.minderheiten.at
Jedes Abo ist ein Geschenk zum verlängerten Geburtstag und dringend nötig.
Jahresabo: € 20,- // Zwei-Jahresabo: € 38,-
Abo International: € 30,- // Zwei-Jahresabo International: € 58,-
(Für Vereinsmitglieder kostenlos, Mitgliedschaft jährlich € 25,-)
Fördergeber*innen: Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7), Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport (BMKÖS), Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF), Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Zukunftsfonds der Republik Österreich, Land Kärnten Kultur, Kulturabteilung Burgenland, Land Tirol
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Die letzte Stimme-Ausgabe zu Musik und Minderheiten haben wir vor acht Jahren gestaltet (83, Sommer 2012). „Wider Ethnisierung und Kulturalisierung“ nannte damals Ursula Hemetek ihren Beitrag: „ein Rückblick auf 22 Jahre Ethnomusikalische Minderheitenforschung“. Seit 2018 ist Hemetek, Ethnomusikologin und Begründerin des Minderheitenschwerpunkts an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw), Trägerin des hochangesehenen Wittgensteinpreises.
Die Musikwissenschaftlerin, der diese Anerkennung für ihre Leistungen in der Minderheitenforschung zuteil wurde, baute mit dem Wittgensteinpreis das Music and Minorities Resarch Center (MMRC) an der mdw auf. Die Initiative Minderheiten, deren Mitbegründerin und langjährige Obfrau sie war, nennt Hemetek als „die wichtigste Kooperationspartnerin“ für die gesellschaftliche Umsetzung der MMRC-Forschung. Wir fühlen uns geehrt.
Das vorliegende Stimme-Heft „Klangheimaten“ entstand als erstes Produkt dieser Kooperation mit dem MMRC-Team und ist dem Themenkomplex Musik im Kontext von Minderheiten gewidmet.
Einleitend zeichnet Ursula Hemetek in einem sehr persönlichen Beitrag den Weg von der Entdeckung der Rolle von Musik in der Auseinandersetzung mit „Ungleichheit“ über die Entstehung des Schwerpunkts Ethnomusikologische Minderheitenforschung bis zur Verleihung des Wittgensteinpreises und der Gründung des MMRC nach.
Was bedeutet Musik im Kontext von Flucht? Und kann sie zur politischen Handlungsfähigkeit beitragen? Ioannis Christidis, Ethnomusikologe und Aktivist, nähert sich diesen Fragen anhand der Geschichte von Ismail, einem syrischen Musiker auf der Flucht nach Europa.
English Version: We, the strangers
Vom Musikgeschehen einer anderen Community, deren Mitglieder ebenso nach Österreich flüchten mussten, handelt der Beitrag des Musikwissenschaftlers Marko Kölbl: die florierende Musikszene der afghanischen Diaspora in Wien – eine Gegenerzählung zur pauschalen Diskreditierung der Afghan*innen.
Wer Übergriffe fürchten muss, wenn er seine Identität offen lebt, braucht einen safe space. Julia Fent, wissenschaftlich in den Gender Studies verortet, widmet sich in ihrem Beitrag der Entstehungsgeschichte sowie den aktuellen Formen des Voguing in Wien.
Tonica Hunter, Aktivistin in zahlreichen Kollektiven und Mitbegründerin von „Sounds of Blackness“ diskutiert mit Schwarzen Musiker*innen über die aufgezwungene minderheitliche Position und ihre Selbstsicht im Musikbusiness.
English Version: We are left in the dark
Marie-Thérèse Kiriaky ist Mitbegründerin der Arab-Austrian Women’s Organization. Ioannis Christidis sprach mit der Österreicherin syrischer Herkunft über ihr humanitäres Projekt „Balsam“ und ihre zahlreichen Musikprojekte, darunter das NAI Oriental Orchestra and Choir.
English Version: Music can build bridges between people
Heuer feiern gleich zwei österreichische Rockbands Jubiläum: Bruji wird mit „Krowodnrock“ 40, die Kärntner Slowenische Band Bališ 20 Jahre alt. Ursula Hemetek und Marko Kölbl fragten sie zu ihrer jeweiligen Entstehungsgeschichte, der politischen Relevanz und den Errungenschaften.
Damit Sie Exemplare aus den hier textlich behandelten Musikrichtungen auch hören können, hat Radio Stimme die Sendung „Andere Hymnen“ – ein hörbares Äquivalent zu unserer Spezialausgabe gestaltet. Melanie Konrad informiert in der Nachlese darüber, was Sie dort erwartet. Und nicht zuletzt stellt Duygu Özkan die syrische Sängerin Basma Jabr vor, die ihren früheren Nebenerwerb Musik in Wien zum Beruf machte.
Seit genau zwei Jahren porträtiert Duygu Özkan für die Stimme Menschen, deren Geschichten kaum Platz in den Mainstream-Medien bekommen. Mit dieser Ausgabe verlässt Duygu uns – vorübergehend wie wir hoffen. Liebe Duygu, einen ganz herzlichen Dank für all die Geschichten über all die faszinierenden – wohl nicht durch Zufall ausschließlich – Frauen, die wir über dich kennenlernen durften! Wir hoffen sehr, dich in zwei Jahren wieder als Stimme-Kolumnistin begrüßen zu dürfen. Und wünschen dir derweil alles Gute und viel Freude!
Musik kräftigt das Selbstwertgefühl, Musik ermöglicht Selbstverortung. Sie bietet einen safe spaceund hilft, Träume zu artikulieren. Und Musik hilft, den Mut zum Widerstand zu stärken. Diese Sätze habe ich den Textbeiträgen in diesem Heft entnommen. Nehmen Sie „Klangheimaten“ zum Anlass, dem Winter mit viel guter Musik zu begegnen!
Gamze Ongan, Chefredakteurin
Stimmlage: Politische Seelenleiden im Herbst – von Hakan Gürses
Musik: The Songs We Still Remember – von Ioannis Christidis & Bendewari/Intizar/Longing – von Hande Sağlam
Groll: Wiener Massaker – von Erwin Riess
Grafik: Fatih Aydoğdu
Die aktuelle Ausgabe der STIMME ist in Kooperation mit dem Music & Minorities Research Center (MMRC) entstanden.
Jahresabo: € 20,- // Zwei-Jahresabo: € 38,-
Abo International: € 30,- // Zwei-Jahresabo International: € 58,-
(Für Vereinsmitglieder kostenlos, Mitgliedschaft jährlich € 25,-)
Aboservice: Fr. Ebru Uzun: abo(at)initiative.minderheiten.at

Der von ORF in Partnerschaft mit Wien Tourismus produzierte Pausenfilm des weltweit live übertragenen Neujahrkonzerts 2012 der Wiener Philharmoniker stellt eine Hommage an Wien dar. „Music in the Air“ von Werner Boote führt durch das touristische Wien anhand einer Liebesgeschichte zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann. Szenen aus dem multikulturellen Naschmarkt, Bilder von Kebabverkäufern und freundlichen Polizisten werden von einem Potpourri mit Zitaten aus u. a. jüdischen, türkischen, ungarischen, asiatischen und arabischen Melodien begleitet. Wien präsentiert sich als eine weltoffene, multikulturelle und vielfältige Stadt voller Leichtigkeit und Harmonie.
Ein schöner Schein. Der Umgang der „Kulturnation Österreich“ mit ausländischen Kulturschaffenden ist bei weitem nicht so wertschätzend, auch wenn Musik neben ökonomischem Nutzen und kulinarischer Vielfalt eines der Hauptargumente bildet, wenn es darum geht die Vorzüge der Migration zu unterstreichen. Die aufenthaltsrechtlichen Bedingungen für KünstlerInnen aus Drittstaaten haben sich seit Ende der 1990er Jahre schrittweise verschlechtert. Seit dem Inkrafttreten des Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetzes 2006 haben ausländische MusikerInnen und andere Kulturschaffende kein Recht mehr auf Niederlassungsbewilligung in Österreich. Sie müssen ihren Aufenthaltstitel jedes Jahr neu erkämpfen, indem sie nachweisen müssen, dass sie aus ihrer selbstständigen Arbeit ein ausreichendes Einkommen erzielen. Die Angst der Politik vor dem sogenannten Bleiberecht scheint letztendlich doch stärker zu sein als Argument der „kulturellen Bereicherung“.
Mit dem Themenschwerpunkt Musik schließen wir an die Diskussion an, die mit der Ausstellung „Grenzpegel. Kreativität und Kontroversen migrantischer Musikszenen“ 2010/11 eröffnet wurde (Teil des Initiative Minderheiten-Projekts „Viel Glück! Migration heute“ in der Wienbibliothek im Rathaus).
Rosa Reitsamer und Rainer Prokop gehen der Entstehungsgeschichte des sogenannten Austropop als musikalische Hybridform nach und analysieren anhand der Fernsehdokumentation „Weltberühmt in Österreich – 50 Jahre Austropop“ dessen kommerzielle Vermarktung.
Seit 1990 wird am Institut für Volksmusikforschung und Ethnologie Musik der österreichischen Minderheiten erforscht. Die Gründerin der Minderheitenschwerpunkts, Ursula Hemetek, zeichnet in einem kritischen Rückblick die Entwicklung der fachlichen Zugänge im Lichte der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen nach. Eines der neueren Forschungsprojekte des Instituts über die Bi-Musikalität der Studierenden präsentiert Hande Sağlam.
Um sogenannte World-Music im weitesten Sinne und deren Rezeption geht es in folgenden zwei Beiträgen. Richard Schuberth zeigt anhand der Wahrnehmung von Balkanmusik die Widersprüche auf, in die sich die „Kulturlinke“ verwickelt, ohne sich als Gründer und künstlerischer Leiter des Festivals Balkan Fever aus der Kritik auszunehmen. Ruby Sircar stellt ein Ende des medialen Hypes um den sogenannten Ethno-Pop und somit die Verdrängung der betreffenden Labels vom europäischen Markt fest und findet das nicht einmal schlecht.
Fatih Aydoğdu schließlich widmet sich in seinem Beitrag musikalischer und kreativer Migration und der identitätsbildenden Rolle der Musik.
Im Jahr 1962 beschloss Österreich das erste Arbeitskräfte-Anwerbeabkommen mit Spanien. Im Gegensatz zu den späteren Abkommen mit der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966) blieb dieses jedoch aufgrund der geringen Anwerbeerfolge bedeutungslos. Als Beitrag zum 50jährigen Jubiläum des Beginns der staatlich regulierten Arbeitsmigration nach Österreich leiten wir in dieser Ausgabe eine Interviewserie mit Arbeitsmigranten und -migrantinnen der ersten Stunde ein. Den Auftakt macht das Ehepaar Kamil Bicer und Vidat Bicer, die 1967 bzw. 1970 aus dem türkischen Antakya nach Wien kamen und heute in der Pension über ihr Leben in der Migration Bilanz ziehen.
In eigener Sache
Zum sechsten Mal findet im Herbst 2012 das Benefizkonzert für die Initiative Minderheiten statt, diesmal mit der Jazzsängerin Maja Osojnik, der Rapperin EsRaP und dem Duo Mika Vember & Martti Winkler. Wir freuen uns viele unserer Leserinnen und Leser am 17. November 2012 beim Inter-Culture Club 2012 im Ost-Club begrüßen zu dürfen.
Nicht zuletzt möchten wir uns für Ihre zahlreichen positiven sowie kritischen Rückmeldungen zum neuen Erscheinungsbild der Stimme bedanken und wünschen einen heiteren Sommer mit viel guter Musik!
Gamze Ongan, Chefredakteurin
Hakan Gürses, Chefredakteur