#139/2026 Aufbruch und Allianzen – 1986-2026 Jahrzehnte zivilgesellschaftlichen Widerstands

„Egal, mit wem ich sprach, die Stimmung war dieselbe: Wir müssen etwas tun, wir können nicht einfach nur zuschauen.“1
Mit diesen Worten beschreibt der Schriftsteller Josef Haslinger die beklemmende Atmosphäre im Winter 1992, als Jörg Haiders rassistisches Volksbegehren „Österreich zuerst“ das Land spaltete. Das Ergebnis waren die Gründung von SOS Mitmensch und das legendäre Lichtermeer 1993. Sechs Jahre davor war Österreich schon einmal tief gespalten: Die Waldheim-Affäre von 1986 hatte das Land in eine schwere Identitätskrise gestürzt, antisemitische Ressentiments offengelegt und eine erste große Welle zivilgesellschaftlichen Protests ausgelöst.
Aus diesen Protesten entstanden bleibende Strukturen. Die Aufbruchsstimmung führte 1991 auch zur Gründung der Initiative Minderheiten – mit der Vision, unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen zu bündeln und Allianzen zu schmieden.
Wie eng die Netzwerke von Beginn an verwoben waren, zeigt ein Foto vom Gründungsfest des Romano Centro im selben Jahr: Es fand in den Räumlichkeiten des Republikanischen Clubs – Neues Österreich statt, der wiederum 1986 als direkte Antwort auf die Waldheim-Affäre ins Leben gerufen worden war.
Dieses Heft blickt auf die Entstehungsgeschichte der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die damals wie heute unverzichtbar sind. Die Mahnung „Bleiben wir wachsam“ ist das verbindende Motiv der folgenden Beiträge:
Den Auftakt bildet ein Essay von Hakan Gürses. Der langjährige Chefredakteur der Stimme holt politisch wie persönlich ein halbes Jahrhundert weit aus, um den Bruch zwischen der „alten“ Arbeiterbewegung und den neuen sozialen Bewegungen herauszuarbeiten. Seine Analyse zeigt zudem, dass manche problematischen Gegenwartserscheinungen – wie Cancel Culture, ungeprüftes „Wissen“ oder der Anspruch auf die eine Wahrheit – eine längere Vorgeschichte haben.
Zum 40. Geburtstag des Republikanischen Clubs – Neues Österreich zieht Vorstandsmitglied Sibylle Summer Bilanz: ein historischer Rückblick auf die Protestbewegung rund um das legendäre „Waldheim-Holzpferd“ und die andauernde Notwendigkeit, auf antijüdische Ressentiments zu reagieren.
In einem sehr persönlichen Essay erzählt die Ethnomusikologin Ursula Hemetek die Entstehungsgeschichte der Initiative Minderheiten und wie aus unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen ein neuer Minderheitenbegriff entstand.
Die Politologin Mirjam Karoly zeichnet die Entwicklung von Romano Centro nach – von den frühen Kämpfen um Anerkennung der Rom:nja bis hin zu einer professionalisierten Bewegung.
Seit 35 Jahren leistet die asylkoordination österreich Widerstand gegen eine Politik der Abschottung. Die Mitbegründer:innen Anny Knapp und Herbert Langthaler blicken auf Meilensteine des Flüchtlingsschutzes zurück.
Wie entsteht aus Protest dauerhafter Widerstand? Martin Schenk, Sozialexperte und ehemaliger Vorsitzender von SOS Mitmensch, erinnert an die Entstehung der Bewegung und das „Kraftwerk Lichtermeer“, das den Weg für bleibende Initiativen wie das Integrationshaus oder die Armutskonferenz ebnete.
Doch kein Fortschritt ist unumkehrbar: Im Stimme-Gespräch reflektiert die Journalistin Irene Brickner die gesellschaftlichen Umbrüche rund um die Waldheim-Affäre, die Rolle der Zivilgesellschaft als demokratisches Korrektiv und die Gefahr politischer Regression. Ein Plädoyer für Wachsamkeit gegenüber Desinformation und demokratischen Rückschritten.
Der Blick zurück ist nie Selbstzweck. Vielmehr bietet er die Gelegenheit, historische Erfahrungen mit politischen Herausforderungen der Gegenwart zu verbinden – Herausforderungen, die vor vier Jahrzehnten jenseits jeder Vorstellungskraft lagen.
Wir werden gewiss darüber nachdenken, was versäumt wurde und was es heute besser zu machen gilt. Doch davor dürfen wir uns auch selbst feiern:
Happy Birthday!
Gamze Ongan, Chefredakteurin
1 Aus dem Interview mit Josef Haslinger im Rahmen der Ausstellung „Man will uns ans Leben. Bomben gegen Minderheiten 1993–1996“, 2004.
Stimmlage: Immer wieder Identität – von Hakan Gürses
Lektüre:
Richard Schuberth: Vom Antisemitismus, der keiner sein will – Besprechung von Vlatka Frketic
Elke Rajal: Antisemitismus und Aufarbeitung – Besprechung von Bianca Kämpf
Gestaltung: Fatih Aydoğdu
Lektorat: Dan Müller
STIMME Nr. 139.pdf
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