#71/2009 Minderheit – eine Begriffsdiskussion
In den Pariser Vorortverträgen von 1919 wurde der Begriff „Minderheiten“ das erste Mal als politische Kategorie eingeführt. Dies war insofern von Bedeutung, weil mit der Einführung der Bezeichnung „Minderheiten“ vom alten Konzept der Volksstämme und Stämme aus dem 19. Jahrhundert abgerückt worden war. Der Abschnitt V. des Staatsvertrags von Saint-Germain-en-Laye mit Deutschösterreich vom 10. September 1919 ist dem „Schutz der Minderheiten“ gewidmet. Der Vertrag verpflichtet den österreichischen Gesetzgeber, in der Verfassung einen individuellen Minderheitenschutz zu verankern und zielt allgemein auf kulturelle Pluralität.
Weder die Einführung der Bezeichnung „Minderheiten“, noch die vertragliche Festhaltung der Minderheitenrechte brachte aber automatisch mehr Gerechtigkeit in die politischen Machtverhältnisse. Im Gegenteil: Die Minderheit als politische Kategorie wurde politisch, gesellschaftlich und emotional aufgeladen.
Anlässlich 90 Jahre Pariser Vorortverträge und der Einführung des Minderheitenbegriffs als politische Kategorie, haben wir den Schwerpunkt des vorliegenden Heftes einer Begriffsdiskussion gewidmet. Die Beiträge nehmen den Begriff Minderheit kritisch unter die Lupe und gehen unter anderem folgenden Fragen nach: Wie wird Minderheit heute verstanden? Welche Konzepte werden mit diesem Begriff transportiert? Welche Auswirkungen haben die Diskurse auf die minorisierten Gruppen und auf deren Bilder?
Vladimir Wakounig befasst sich einleitend mit der historischen Entwicklung des Minderheitenbegriffs. Für Hakan Gürses ist der Begriff Minderheit nur in seinem Verhältnis zur Mehrheit, also zur Norm verständlich. Jana Sommeregger nimmt den Minderheitenbegriff in Schutz, indem sie auf die seine Stärken verweist. Für mehr Sensibilität in der Verwendung der Begriffe plädiert Mikael Luciak in seinem Beitrag. Grozdana Pajković nimmt sich für die Begriffsdiskussion ein anderes Wort vor: Migrationshintergrund. Sie fragt sich, nach wie viel Generationen der Hintergrund „verschwindet“ und eine Normalität einkehrt. Abgerundet wird der Themenschwerpunkt mit dem Beitrag von Alexander Pinwinkler, der die Minderheitenforschung in Österreich in der Zwischenkriegszeit unter die Lupe nimmt.
In der Radio Stimme-Nachlese bringen wir die Niederschrift eines Studiogesprächs mit Heinz Patzelt, Rudolf Gollia und Walter Suntinger. Das Thema der Diskussion ist der Bericht von Amnesty International über rassistische Diskriminierung im österreichischen Polizei- und Justizsystem.
In seinem Kommentar „The Unknown War“ berichtet schließlich Erwin Riess vom „Dauerbürgerkrieg“ um Behindertenparkplätze und gibt Tipps für Akte des zivilen Notwehrrechts.
In eigener Sache
Wie schon in der Ausgabe 69 der STIMME berichtet, arbeitet die Initiative Minderheiten an einem Nachfolgeprojekt zur Ausstellung Gastarbajteri (Wien Museum 2004). Im Rahmen des neuen Ausstellungsprojekts Viel Glück! Migration Heute. Perspektiven aus Wien, Zagreb Belgrad und Istanbul wurden im Mai auf einem internationalen Symposium in Zagreb die ersten Rechercheergebnisse präsentiert. Lesen Sie auf Seite 20 einen Bericht von Vida Bakondy und Ruby Sircar. In der Winterausgabe der STIMME werden wir ausführlich über das Projekt Viel Glück! berichten.
Informatives Lesen wünscht
Gamze Ongan, Chefredakteurin